Bahnstreik – Nehmt es nicht so schwer

26 Okt

Vorher einen klärenden Satz: Ja ich bin politisch recht weit links der Mitte anzutreffen, ja ich bin Gewerkschafter und ja ich denke die Arbeitgeber haben in Deutschland viel zu viel Macht. Trotzdem bin ich meiner Meinung nach bei der Bewertung des angezeigten Themas recht objektiv.

Auch wenn mein erster Impuls heute Vormittag war mich zu Ärgern weil die S-Bahn von Essen nach Oberhausen nicht fuhr (siehe NRZ-Artikel)  und die U-Bahn- und Tramodyssee die dann folgte meine Fahrtzeit verdoppelte sollte man sich immer zuallererst ansehen worum es geht.

Quelle: Ernst Ruh; http://www.pixelio.de

Die im zunehmenden Masse auf den deutschen Markt drängenden Bahnfirmen schaffen es bei Ausschreibungen von Verkehrsverbünden, Gebietskörperschaften usw. immer wieder die Deutsche Bahn AG ohne größere Probleme zu unterbieten und das obwohl sie damit beschäftigt sind eine Infrastruktur aufzubauen und neue Fahrzeuge zu beschaffen, hauptsächlich weil sich die Bahn AG weigert gebrauchtes fahrendes Material zu verkaufen und sogar runderneuerte oder fast neue Züge lieber verschrottet, was eigentlich eine strafrechtlich relevante Vernichtung von volkseigenen Eigentum bedeutet, da die Bahn ja immer noch mehrheitlich dem Bund gehört, aber das ist einen andere Geschichte. Im ersten Moment denkt man natürlich erst einmal gut, dann müsste das Bahn fahren ja billiger werden, aber genau das passiert nicht. Die Fahrpreise weit über 90% aller Regionalzugkilometer in Deutschland werden über Tarife von Verkehrsverbünden oder sonstigen Zweckgemeinschaften abgerechnet und die stoßen sich erst einmal Gesund bevor sie daran denken, und bis dahin sind andere Kosten soweit gestiegen das die Endpreise mindestens gleich bleiben, wenn nicht sogar trotzdem steigen. Die wenigen Strecken die nicht verbundgebunden sind, sind entweder teilweise (z.Bsp. über Wochenend- oder sonstige überregional gültige Tickets) in die DB-Tarifstruktur eingebunden oder werden sogar komplett von der Bahn AG abgerechnet. Also sind die Einnahmen von PEG, Abelio und Arriva (die mittlerweile mehrheitlich der Deutschen

Bahn AG gehört, ich bin mal gespannt wann die Auslagerung von Arbeitsplätzen anfängt) an den übernommenen Strecken maximal gleichhoch, oft geringer als vormals die der DB AG.

Wie können diese Anbieter also weniger für die Streckennutzung bieten als die Bahn. Praktisch ausschließlich über die Löhne der Arbeiter und Angestellten. Es hat sich eingebürgert das diese Firmen für gleiche Tätigkeiten bis zu einem Drittel weniger bezahlen (bei mehr Arbeitsstunden) als die Bahn AG und hier waren die Tarifabschlüsse mit ausgenommen der wenigen Gelegenheiten wo die Bahngewerkschaften mal Zähne gezeigt haben in den letzten Jahren auch schon nicht besonders üppig.

Wenn sich die Gewerkschaften jetzt mal aufraffen, meiner Meinung nach viel zu spät, diesen Zustand zu korrigieren und bindende Tarifabschlüsse für alle auszuhandeln muss man ihnen auch den entsprechenden Spielraum lassen. Es ist im Moment nervig aber es wird mal wieder Zeit in diesem Land den Arbeitgebern, und nicht nur denen aus dem Bahnbereich, zu zeigen, dass die Richtung bei Lohnhöhen nicht immer nur nach unten auf den Niedrigstlohn zielt. Die Pro-Kopf-Produktivität ist in Deutschland eine der höchsten der ganzen Welt und gemessen daran verdienen wir weniger als ein ukrainischer oder chinesischer Arbeiter. Wir Deutschen müssen den Arbeitgebern langsam mal klarmachen, dass wir uns nicht damit abfinden, dass dies ein Dauerzustand bleibt.

Also die Streiks sind unangenehm dienen aber auf jeden Fall dem passenden Zweck und senden ein deutliches Signal in die richtige Richtung.

Außerdem ist Essen mit allen Nachbarstädten durch gute Bus oder Tramverbindungen verbunden (Mühlheim U18, 104; Gelsenkirchen U11, 107; Bottrop SB16, 186; Oberhausen U18 – 112, 103/05 – 185) usw. Das verlängert natürlich die Fahrtzeiten aber ich bitte alle dies für die paar Tage und dem wirklich guten Zweck das mal zu ertragen und den Gewerkschaften gegenüber ihr Wohlwollen nicht zu verlieren, außerdem ist das Ganze auch nicht so viel schlimmer als die normalen Pannen bei der Bahn.

Gruß Sera


Startseite

Advertisements

2 Antworten to “Bahnstreik – Nehmt es nicht so schwer”

  1. buch leser 2010/10/27 um 01:44 #

    Wie aus Verhandlungskreisen verlautete, hat die DB ein Angebot unterbreitet: Sie würde einen Branchentarifvertrag akzeptieren, der auf dem durchschnittlichen Niveau der drei am höchsten dotierten Tarifverträge der Privatbahnen liegt – und damit leicht unter dem der DB. Voraussetzung: Mindestens 50 Prozent der privaten Konkurrenten müssten den Branchentarif akzeptieren. Das verstehe ich nicht, will die Bahn wieder das Monopol durch die Hintertür einführen. Die sollen jetzt mal nicht Politik machen, sondern ihre Züge zum Laufen bringen.

  2. Seraquael 2010/10/28 um 03:39 #

    Meiner Meinung nach geht es einfach nur darum im Bahnbereich zu verhindern das sich der selbe Zustand wie im Postbereich zementiert. Nämlich das kleinere Konkurrenten ausschließlich über Niedriglöhne Ausschreibungen gewinnen und Aufträge an Land ziehen. Auch wenn der Deutschen Bahn AG das im Moment nutzt wird ein Branchentarifvertrag verhindern, dass die Löhne in der Branche insgesamt in den nächsten Jahren sinken. Außerdem behandelt die Bahn AG ihre Angestellten für einen Großkonzern relativ gut und ‚böser‘ Großkonzern hin oder her, wenn ich als Vorstand sehe das ich andauernd Ausschreibungen ausschließlich aufgrund der Niedriglöhne der Konkurrenten verliere suche ich nach Mittel und Wegen auch nur diese geringen Löhne zu zahlen. Und das wollen wir doch bitteschön verhindern.

    Gruß Sera

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: