Der Omega-Mann in Essen

29 Jun

Ein Hinweis in eigener Sache: Gute Nachrichten die Trauerzeit ist vorbei. Nachdem ich meinem getreuen MacBook nun viel zu lange nachgetrauert habe, habe ich mir wieder eins zugelegt und kann nun auch wieder bloggen wenn ich nicht an meinem Heim PC sitze. Also können wir uns alle auf noch mehr meiner geistigen Ergüsse hier, im Berliner Blog und dem Kulturblog freuen, da ich die Themenlisten die ich aufstelle wenn ich gerade keine Möglichkeit zum schreiben hatte sowieso selten abgearbeitet habe.

Zur Vorerklärung: Eigentlich ist Charlton Heston nicht gerade mein Lieblingsschauspieler aber der Film „Der Omega-Man“ ist mir in Erinnerung geblieben. Wer ihn nicht kennt: Eine biologische Waffe der Sowjets gerät völlig außer Kontrolle und wächst sich zur weltweiten Pandemie aus die fast die gesamte Weltbevölkerung tötet. Heston als Militärwissenschaftler, ist aufgrund seiner Forschung immun und durchstreift als vielleicht einziger gesunder Mensch das ausgestorbene Los Angeles, gejagt von den wenigen Überlebenden der Seuche die aber mutiert und geistesgestört sind.

Ich muss zuerst einmal gestehen. Ich habe den Termin des dritten deutschen WM-Vorrundenspieles verpasst aber nicht vergessen, vielmehr hatte ich nach viel mehr Nachtschichten in Folge als mir gut tut und drei komplett freien Tagen, an für mich ungewöhnlichen Wochentagen völlig meine innere Uhr verloren und war deshalb am Mittwoch, den 23.06., den ganzen Tag über ernsthaft der Meinung es sei erst Dienstag. Da ich mir für diesen Tag selber die totale Entspannung versprochen hatte verbrachte ich ihn damit ein paar neue Teesorten zu testen und dabei endlich den aktuellen Terry Pratchett Roman zu lesen bevor ich am Nachmittag zu Cabernet und einem älteren Donna Leon Krimi überging, so blieben TV und Radio stumm und ich las ich weder Tageszeitung noch surfte ich im Internet (Da ich noch im Pyjama war lagen taz und NRZ sogar noch im Briefkasten). Dementsprechend gelang mir, wenn auch völlig unbeabsichtigt, das Kunststück den ganzen Tag über meinen Irrtum nicht zu bemerken. Gegen 20 Uhr wollte ich mir etwas zum Abendessen kochen und musste feststellen, dass mir für ein gescheites Piccata noch Schinken und Tomaten fehlten. Also setzte ich mich in die 107 um zum Porscheplatz zu fahren da dort meines Wissens der einzige Supermarkt im Innenstadtbereich ist der noch bis 22 Uhr geöffnet hat.

Hier bekam ich zum ersten Mal ein eigenartiges Gefühl. Entgegen der sonstigen Überfüllung gab es während der gesamten Fahrt nur noch zwei andere Fahrgäste und die waren von einem iPhone und einem Minifernseher gefesselt. Am Porscheplatz angekommen bot sich ein ähnliches Bild. Leere wohin man sieht. Kein Mensch schien unterwegs zu sein und nicht einmal die dort sonst allgegenwärtigen Servicekräfte der EVAG waren zu sehen.

Kennt ihr das Gefühl wenn es die ganze Zeit im Nacken kribbelt, als ob man beobachtet wird, aber jedes Mal wenn man sich umdreht ist da nichts. Genauso kam ich mir an diesem Abend die ganze Zeit außer Haus vor. Ich machte also meine Einkäufe und kam ob der Leere des Ladens aus dem Staunen nicht mehr heraus. Man hätte die berühmte Kugel abschießen können ohne dort oder auf der Porschekanzel jemanden zu treffen. Da mir das ganze zwar komisch vorkam, ich aber trotzdem nicht das Bedürfnis hatte mit jemanden zu sprechen wickelte ich meine Einkäufe über die Selbstbedienungskasse, also ohne mein sonst übliches Gespräch mit der Kassiererin, ab und verließ den Ort des Schreckens beinahe im Dauerlauf. In der U-Bahnstation wieder dasselbe Bild. Keine Menschen, eine Ruhe wie im Dom und langsam beschlich mich ein Gefühl wie im Omega-Mann nur das ich die bzw. mich die mutierten Irren noch nicht gefunden hatten (in der Essener Innenstadt ist alles möglich) und davor bekam ich langsam Angst. Die 107 war wieder leer und ich ignorierte beharrlich den Berber der auf der letzten Bank (friedlich?) schlief (mich beobachtete?). Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit interessierte ich mich für die Umgebung außerhalb der Tram, nachdem sie am Freistein den Tunnel verlassen hatte. Und auch hier wieder nur gähnende Leere. Ich meine Essen ist jetzt nicht gerade die Stadt der Fußgänger, aber niemanden auf den Bürgersteigen zu sehen ist schon seltsam und die Straßen um den Freistein sind sonst nie autofrei und ich habe wirklich Schwierigkeiten das zu beschreiben, ich begann mich wirklich seltsam zu fühlen. In mir zog sich regelrecht etwas zusammen und drängte Richtung Magen, so dass sogar eine leichte Übelkeit in mir aufstieg (zu meiner zunehmenden Paranoia kam schließlich noch die Wirkung einer dreiviertel Flasche Wein auf fast leeren Magen). Sehen sie, ich gehöre der aussterbenden Spezies der regelmäßigen Kirchgänger an und nicht einmal sonntags morgens sind Essens Straßen dermaßen leer. Deshalb wurde ich immer unruhiger und las entgegen meiner sonstigen Gewohnheit in der Bahn weder Zeitung noch irgendeine Nachrichtenwebsite auf meinem Handy. Der nächste Schock ereilte mich an der Herzogstraße: Sowohl McDonalds als auch McFit waren absolut leer und das ist nun wirklich noch nie vorgekommen. Ich machte also, dass ich nach hause kam und begegnete auf dem Stück Fußweg nach Hause nun überhaupt keinem Menschen mehr (war wohl auch besser so, ich war mittlerweile ernsthaft beunruhigt und hätte einem zufälligen Passanten wohl meine Einkäufe an den Kopf geschmissen und wäre getürmt). Glücklich zu Hause angekommen nahm ich aber immer noch keine Zeitung oder ähnliches zur Hand sondern versuchte mich mit einem weiteren Glas Wein erst einmal zu beruhigen. Der einzige Erfolg war allerdings das ich jetzt über einen Chemieunfall oder sonst etwas nachdachte und ich ob meiner Tagesmedienabstinenz einen Evakuierungsaufruf verpasst hatte (lachen sie nicht, ich habe zehn Jahre lang im 50 km Radius von gleich drei Atomkraftwerken gewohnt und kann mich noch gut an die Evakuierungspläne auf allen Telefonbüchern erinnern, genauso an die Katastrophenübungen). Jedenfalls entschloss ich mich nun endlich mich an den Rechner zu setzten und da ich eine Newswebsite als Startseite habe klärte sich alles schlagartig mit dem ersten Klick auf den Firefoxbutton auf.

Liebe Leser, sie können mich jetzt gerne für leicht durchgeknallt halten und vielleicht bin ich das ja auch, aber ich muss mich doch fragen wie sie sich fühlen würden wenn sie ohne Vorwarnung in einer leeren deutschen Großstadt stehen (vergessen sie den Wein nicht).

Euer Seraquael

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